Erdomir Erdwurm

 

© Evelyn Schütz

 

Erdomir schaute in den Himmel. Er schaute immer in den Himmel, jeden Tag.

Und wie jeden Tag, fiel sein Blick zu der alten Kirche, die vor ihm emporragte und deren Turm sich weit in den Himmel streckte.

Erdomirs Erdloch befand sich genau neben dem Eingang zum Kirchplatz. Von hier aus hatte er den besten Blick zum Kirchturm und zu dem goldenen Hahn, der ganz oben auf der Spitze saß und in der Sonne so schön glitzerte.

Wenn die Sonne schien und ein leichter Wind wehte, schien es ihm jedes Mal, als würde der Hahn im nächsten Moment die goldenen Flügel spreizen und mit den Sonnenstrahlen davonfliegen.

Erdomir hegte schon lange einen großen Traum.

Einmal wollte er oben auf der Kirchturmspitze sitzen, um weit, ganz weit über das Land zu sehen. Dann würde endlich auch sein Wunsch erfüllt, diesen herrlichen Hahn aus der Nähe betrachten zu können. Obwohl er wusste, dass Sonne und Wind ihm schaden konnten, saß er so Tag für Tag sehnsüchtig am Eingang seines Erdloches und schmachtete den Kirchturm an.

Ein langer Seufzer entrang sich ihm.

„Na, wieder am träumen!“ hörte er plötzlich die Stimme seiner Nachbarin Heidelinde.

„Statt den ganzen lieben, langen Tag in den Himmel zu starren, könnte dir auch was Besseres einfallen.“

Dieses zänkische Weib, dachte Erdomir und drehte sich herum:

„Du bist doch nur neidisch“. „Immerhin, i c h habe noch Träume“.

„Pah“, Heidelinde lachte frech: „Nie im Leben wirst du da oben sitzen.“

„Das kannst du vergessen.“

„Du bist und bleibst ein armer, alter Erdwurm“.

„Ja, ja“, Erdomir wurde sauer: „Ich werde dir schon noch zeigen, was ich alles kann“.

Wütend verließ er den schönen Aussichtsplatz und rutschte zurück in seine Behausung. Er war weder arm noch alt. Nur eben ein Erdwurm. Und wenn er auch unter der Erde lebte, so konnte er doch zum Himmel steigen.

Gleich morgen wollte er seinen Traum wahr machen und Heidelinde zeigen, dass er stark war und dass er Mumm hatte. Und wenn es das Letzte war, was er tat. Heidelinde jedenfalls sollten die Augen überlaufen vor Staunen.

 

Erdomir blies die Wangen auf und lies die Luft langsam entweichen. „Geschafft!“

In der Nacht hatte es angefangen zu regnen. Genau das richtige Wetter, um sein größtes Abenteuer anzupacken und seinen Traum wahrzumachen.

Bereits weit vor Tagesanbruch war er deshalb aufgebrochen, um den Kirchturm zu erglimmen.

Unter Aufbietung all seiner Kräfte hatte er sich Stunde für Stunde die riesige Steinmauer empor gekämpft.

Jetzt saß er endlich ganz oben zu Füßen des goldenen Hahns. Erschöpft schaute er sich um. Mit Erstaunen sah er, dass der Ausblick noch viel, viel schöner war, als er es sich je hatte vorstellen können. Erdomir war überglücklich und sehr zufrieden mit sich selbst. Sein Blick fiel hinunter zur Erde, dort hin, wo seine Behausung war.  

Ganz klein und unscheinbar erkannte er Heidelinde, die irgendetwas zu rufen schien. Was es war, konnte er nicht hören und es war ihm egal.

Wie ein Papierdrachen, der sich in die Luft windet, schlängelte er sich in die Höhe und zeigte ihr erhaben die vor Stolz geschwellte Brust.

Unten pendelte Heidelinde aufgeregt hin und her. Sie hatte ihn schon länger entdeckt und war ihm mit den Augen gefolgt. Sie sah, dass er tatsächlich sein Ziel erreichte. Allerdings sah sie auch die dicke Krähe, die seit geraumer Zeit die Kirchturmspitze umkreiste und ihr wurde Angst und bange.

Vergeblich versuchte sie, Erdomir zu warnen.

Dieser hatte jedoch keinen Blick für die aufgeregten Gesten von ihr. Tänzelte stattdessen gut gelaunt vor den Füßen des goldenen Hahnes herum. Viel zu sehr damit beschäftigt, sich zu präsentieren, erkannte er die Gefahr nicht, in der er schwebte. Gerade, als er Heidelinde seinen unsagbaren Stolz entgegen schreien wollte, fiel plötzlich ein großer Schatten auf ihn hernieder. Ein gieriger Schnabel erfasste seinen Körper, dann war es zu spät.

Unten liefen Heidelinde die Augen über, vor Schmerz und Entsetzen.

 

 

2/2009

 



Der Amtsschimmel wiehert neudeutsch

 

ã Evelyn Schütz

 

Pech, mein Gasfuß war schwerer, als vermutet. Rein gefühlsmäßig hatte ich das geforderte Tempolimit nur ganz gering überschritten.

Gut gelaunt schaute ich der netten Polizistin entgegen, die mich bei einer Verkehrskontrolle zum Seitenstreifen winkte. Ein freundlicher Kollege von ihr  trat heran und verlangte lächelnd Führerschein und Wagenpapiere. Nach der ordnungsgemäßen Überprüfung gab er die Dokumente ebenso freundlich wieder zurück, forderte mich auf auszusteigen und bat mich zum Streifenwagen.

Einen Film wollte er mir zeigen. Zwar war ich geneigt, die Einladung des Mannes dankend abzulehnen, folgte aber doch. Schließlich war alles in Ordnung! Die kleine Filmvorführung, bei der ich hervorragend in Szene gesetzt war, machte mir dann allerdings schnell bewusst, dass mein Gefühl mich um rund 35 Stundenkilometer betrogen hatte.

Der freundliche Polizist erschien mir plötzlich gar nicht mehr so freundlich.

Er zückte seinen Schreibblock und machte mir ein Angebot. Nicht unmoralisch, nein, er bot mir höflich ein Verwarngeld von 25 Euro an, mehr nicht. Normalerweis nehme ich so schnell nichts an. Schon gar nicht von fremden Männern, auch nicht, wenn es ein Polizist ist. Doch konnte ich da nein sagen? Als er mein Zögern bemerkte und um jeglichem Missverständnis vorzubeugen, machte er mir deutlich, dass ein amtlicher Brief das Verwarngeld garantiert in die Höhe treibt.

Schon war mir klar, eine Einladung zu erhalten muss nicht mit einer Bitte verbunden sein. Beim deutschen Amtsschimmel heißt eingeladen zu werden „einer Verpflichtung nachkommen zu müssen“.

Da ist nichts, von wegen Einladung unter Freunden. Da ist es gleichgültig, ob der Termin passt oder ob du gerne zu einem anderen Zeitpunkt darauf zurück kommst. Ne, da musst du sofort überlegen: Jetzt oder später, weniger oder mehr.

Ich entschied mich für das erste Angebot und zahlte die 25 Euro cash.

 



Autorität – total

Schulalltag um 1900

 

© Evelyn Schütz

 

Man schrieb das Jahr 1914.

Otto stand leicht vorgebeugt hinten in der rechten Ecke des Klassenzimmers.

Jederzeit bereit die Beine in die Hand zunehmen und auszubrechen. Seine Nasenflügel bebten und er schnaubte leise. Den ganzen Körper durchlief ein Zittern. Das hatte er nicht verdient.

Er war nicht lammfromm oder ein Duckmäuser. Oft auch rebellisch und unbeugsam. Als Jüngster von fünf Geschwistern hatte er früh gelernt sich zu behaupten und gegenüber den Altersgenossen konnte er sich gut durchsetzen. Oft rau und hart, aber nie unberechtigt oder grundlos. Für sein Alter recht kräftig gebaut, konnte er ganz gut mit Schlägen umgehen. So manchen Hieb hatte er bereits weggesteckt, wenn es galt, sich zu verteidigen. Er war ein ganz normaler Junge, der manchmal kleine Gemeinheiten ausheckte und dafür gerade stehen musste. Doch richtig frech war er nicht. Nein, ganz bestimmt nicht. Vorhin hatte er lediglich versucht, Herrn Pressler klarzumachen, dass er mit dem Ball von Oskar nur ein paar Würfe üben wollte und Oskar aus Angst um seinen einzigen Ball ein bisschen herumgejammert hatte. Doch Zankerei war dies nicht.

Wie so oft, hatte Lehrer Pressler kein Gehör für irgendeine Entschuldigung oder Erklärung. Ein „Aber“ war sowieso nicht akzeptabel.

Nur deshalb hatte Otto diese Demütigung erfahren. Und das vor der ganzen Klasse. Er war einer der Älteren. Da bedeutete das eine besondere Schmach und Schande. Ein zorniges Funkeln stieg ihm in die Augen. Nein, das hatte er nun wirklich nicht verdient. Nicht in dem Maße. Noch einmal sollte ihm das nicht widerfahren. Heute nicht und nie mehr wieder.

Er spannte alle Muskeln seines Körpers und richtete sich auf. Die Hände zu Fäusten geballt, gut hinter dem geschundenen Rücken versteckt, stand er da und starrte trotzig zum Schreibpult. Sein Rücken schmerzte fürchterlich. So, als hätte jeder einzelne Riemenschlag einen Streifen in die Haut gebrannt. Um seine Mundwinkel lief ein verdächtiges Zucken, weil Angst und Schmerzen ihm immer noch das Wasser in die Tränendrüsen trieben. Das Gesicht glühte und viele kleine Schweißperlen überzogen Stirn und Wangen.

Er fühlte sich so hilflos und ausgeliefert, völlig allein. Niemand war da, der ihm helfen konnte. Kein Mitschüler, keine Geschwister, die Mutter nicht und auch nicht der Vater. Otto wollte es nicht, und doch stieg Hass in ihm auf.

Hass auf seinen Peiniger, der sich mit stolzer Brust vorne vor dem alten Stehpult aufgebaut hatte und sich gerade mit Zeigefinger und Daumen, über jeden Zweifel erhaben, den grässlichen Ziegenbart glatt strich.

Hass auf die Mutter, die ständig mit schwerer Arbeit beschäftigt war und keine Zeit fand, sich um ihn zu sorgen. Damit die Familie genug Essen und Kleidung hatte, musste sie als Wäscherin das Geld verdienen. Sie schuftete von morgens früh bis spät in die Nacht. Sich darum zu kümmern, welche Nöte und Ängste die Kinder plagten, kam ihr kaum in den Sinn. Dafür war kein Platz in ihrem täglichen Überlebenskampf.

Und Hass auf seinen Vater, der viel zu früh gestorben war und die Mutter mit sechs Kindern alleine und unversorgt zurückgelassen hatte. Warum war er nicht bei ihnen geblieben? Sein gutes Herz, das warme Gefühl, wenn der Vater ihm mit rauen rissigen Händen über den Haarschopf gestrichen hatte, um ihn zu trösten, fehlten Otto sehr. Genauso, wie der unerschütterliche Glaube des Vaters daran, dass die Zeiten einmal besser werden.

 

Traurigkeit überfiel ihn. Doch er wollte, er würde nicht schwach werden. Wild entschlossen, stark zu bleiben, presste Otto die blutenden Lippen aufeinander. Bei dem verzweifelten Versuch, die vorangegangene Züchtigung tonlos über sich ergehen zu lassen, hatte er die Zähne fest ins eigene Fleisch geschlagen und sich dabei die Unterlippe aufgebissen.

Genützt hatte es nichts. Trotz größter Mühe, war es ihm nicht gelungen, zu verhindern, dass ein paar Schreie seinem Mund entsprangen.

Grund genug für den Lehrer, ihm einen weiteren Schlag zu versetzen. Als Strafe dafür, dass er keine Selbstbeherrschung besaß. Ein Junge hatte stark zu sein. Züchtigungen wie ein Mann zu tragen und nicht zu klagen.

Noch einmal straffte Otto den gepeinigten Körper und riss die Augen weit auf, um der Tränen Herr zu werden, die sich in den Augenwinkeln sammelten.

 

Oskar erging es nicht viel anders.

Gerade mal 9 Jahre, hatten auch ihn die Schläge tief verletzt. Völlig aufgelöst, zitternd und bebend stand er, in der anderen Ecke des Klassenzimmers. Dort, wohin ihn der alte Pressler verwiesen hatte. Sein Gesicht zeigte rote, hektische Flecken. Die Augenlider, die immer noch tränenfeucht glänzten, hielt er geschlossen. Nervös kaute er auf seiner rechten Hand herum. Das Kinn, das ebenfalls verdächtig zuckte, presste er dabei fest an den Handrücken. Sein Hintern brannte wie tausendfaches Feuer. Vorsichtig ließ er die freie Hand in die Hose gleiten, betastete sein Hinterteil und rieb behutsam darüber. Mehr und mehr fühlte es sich dick und geschwollen an. Doch nicht nur das. Auch die Füße taten ihm weh. Beim Versuch, dem Lehrer zu entkommen, hatte er die Sandalen verloren und sich wohl ein paar Splitter vom Holzfußboden in die nackten Füße gerammt. Zu gerne hätte er nachgesehen. Bei dem Versuch jedoch, die Füße hochzuheben, um auf die Sohlen zu blicken, spannte die grobe Hose so sehr über dem Gesäß, dass es ihn nur noch mehr schmerzte und er das Vorhaben aufgab.

Oskar wusste nicht, wie lange er es noch aushalten würde hier zu stehen und begann langsam zu tänzeln. Von einem Fuß auf den anderen. Ganz dringend musste er auf den Abort, doch er wagte es nicht, sich zu melden.

Tapfer versuchte er die Qualen herunterzuschlucken, die ihm der Stock zugefügt hatte und seine Blase ihm jetzt bereitete. Energisch schob er seine Hemdsärmel hoch, die völlig durchnässt waren, vom Abwischen der Tränen und der laufenden Nase. Er öffnete die Augen und sein Blick ging geradeswegs hinüber zu Otto.

 

Otto und er waren Nachbarskinder und kannten sich gut. Nicht immer waren sie sich einig. Und bei Streitigkeiten machte Oskar, trotz großem Altersunterschied, nur selten einen Rückzieher. Da gab es schon mal die eine oder andere wilde Rauferei oder, wie vorhin, kurze Kabbeleien auf dem Schulhof. Alles nicht so schlimm. Die beiden Jungs sahen darin keine großen Uneinigkeiten oder gar ein schwerwiegendes Vergehen.

Leider war Herr Pressler anderer Meinung. Er hatte die kleine Rangelei gesehen und war Kraft seines Amtes sofort zur bitteren Tat geschritten!

Ohne zu fragen, hatte er sie gestraft Bei Oskar hatte er gleich noch 2 Schläge hinzugefügt. 2 Schläge wegen angeblicher Faulheit. Nur weil Oskar am Morgen wieder einmal fünf Minuten zu spät gekommen war.

Doch er war nicht faul. Während die Mutter die kleineren Geschwister versorgte, half er in der Früh dem Vater im Stall. Er mistete aus, schleppte frisches Stroh und verteilte Futter. So hatte er jeden Morgen vor Schulbeginn bereits ein bis zwei Stunden Arbeit hinter sich. Und manchmal schaffte er es einfach nicht rechtzeitig in die Klasse und auf seinen Platz, bevor die Glocke zum Unterrichtsbeginn ertönte.

 

Oskar und Otto blinzelten sich zu. Jetzt, als Leidensgenossen waren sie sich nah und fühlten ähnlich. Verhaltener Zorn blitzte in ihren Augen, als sie nun trotzig und stolz gemeinsam den Blick nach vorne richteten.

 

In seiner unerschütterlichen Amtsgewalt verharrte Lehrer Pressler noch immer vor dem Stehpult. Gemäß Recht und Ordnung musste nun dem Handeln, die Eintragung folgen.

Ein leises Raunen ging durch die Klasse, als er das schwere Strafbuch aufschlug. Dann war nur noch das unerbittliche Kratzen zu hören, mit dem er die Feder über das Papier zog:

 

Eintrag Nr. 493, Name und Alter des Schülers: Otto Leber, 14 Jahre,

Namen und Stand der Eltern resp. der Vormünder: Johann (:tot:), Art der Vergehung: Frechheit gegen den Lehrer, Art der Züchtigung: 8 Riemenschläge auf den Rücken, Bemerkungen: schreit und brüllt wie ein Tier, daher 1 mehr.

Eintrag Nr. 494, Name und Alter des Schülers: Oskar Häuser, 9 Jahre,

Namen und Stand der Eltern resp. der Vormünder: Ludwig, Landmann, Art der Vergehung: Ungezogenheit, Faulheit, Art der Züchtigung: 6 Stockschläge a.d. Gesäß, Bemerkungen: Springer.

 

 

 

 



Dicke Liebe


Martina biss ein großes Stück der Fleischwurst in ihrer linken Hand ab. Sie warf den Bissen einige Male im Mund hin und her bevor sie ihn dann fast unzerkaut hinunterschluckte. Ein leichter Schauer lief ihr den Rücken hinunter und sie musste sich schütteln. Sie fühlte sich schlecht. Mit traurigen Augen schaute sie auf den Rest des Brötchens in ihrer Rechten. Karl, der ihr täglich die „kleine Zwischenmahlzeit“, wie er es nannte, zubereitete, hatte es mit viel Butter und reichlich Senf bestrichen.
Sie war längst satt und des Essens überdrüssig. Ihr Magen, prall gefüllt und aufgebläht, drückte erbarmungslos auf das Herz, nahm ihr die Luft zum atmen. Jeder Bissen mehr verstärkte noch die Übelkeit und sie hatte das Gefühl, sie müsse sich übergeben. Hilfesuchend schaute sie Karl an, der neben ihr am Bett saß. Er räusperte sich, sagte keinen Ton, doch sein Blick verriet ganz deutlich: "Iss weiter meine Liebe". Martina seufzte, schob den Brötchenrest in den Mund und stopfte den letzten Wurstzipfel gleich hinterher. Sie wollte schlucken doch irgend etwas schien ihr die Kehle zuzuschnüren. Erst nach dem dritten Versuch hatte sie alles hinuntergewürgt.
Karl reichte ihr den Kakao, den er mit einem zusätzlichen Löffel Kakaopulver angerührt hatte. Tapfer nahm Martina das Glas und spülte mit dem süßen Getränk die allerletzten Krümel ebenfalls hinab. Erschöpft sank sie zurück in die Kissen. Schweißperlen hatten sich auf ihrer Stirn gebildet und rannen nun langsam die Schläfen hinab.
Zärtlich nahm Karl eine Serviette und wischte ihr über die vollen Lippen. Dann tupfte er ihr mit einem parfümierten Tuch die nasse Stirn trocken, strich über ihre Wangen und schnippte einige Locken zur Seite, die sich über das Gesicht gelegt hatten. Seine Augen glänzten und ein zufriedener Ausdruck huschte über sein Gesicht.

Martina sah es nicht. Sie hatte die Augen geschlossen. Zweifel überfielen sie. Sie haderte mit sich und auch mit Karl. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob er es noch gut mit ihr meinte. Klar, Karl war immer für sie da. Er pflegte und umsorgte sie. Gab ihr reichlich zu essen, half ihr gerne bei der Körperpflege und war stets an ihrer Seite. Er machte ihr die Haare und ermunterte sie sogar ab und an, etwas Make-up aufzulegen und die Lippen zu schminken. Sie sollte gut aussehen. Immer behauptete er, dass er sie liebe.
Dass Sie schön sei und so attraktiv. Doch konnte Karl sie tatsächlich noch lieben? So, wie sie heute war? In Gedanken blickte Martina zurück. Noch nie war sie einem Schlankheitswahn erlegen. Wenn sie früher Sport getrieben hatte, dann nur um eiknigermaßen fit zu bleiben. Nicht wegen ihres schon immer etwas fülligen Körpers. Am Anfang der Beziehung zu Karl war das auch alles in Ordnung. Nur allzu gerne glaubte sie damals seinen Worten, wenn er beteuerte, er liebe jedes Pfund an ihr. Wie viele zärtliche Abende und Wochenenden sie gemeinsam nur mit Faulenzen und Schlemmerorgien verbracht hatten, wusste sie nicht mehr. Doch Spaß hatte es gemacht. Dabei entwickelte Karl sich zu einem wahren Spezialisten, was das Kochen und Backen betraf. Sahnesoßen und Marzipantorte waren eine Lieblingskreationen, die sie nur allzu gerne gekostet hatte. Dass Karl schlank blieb und sie Kilo für Kilo zulegte, wurde ihr zwar bewusst, war ihr aber gleichgültig. Karl liebte sie, so wie sie war. Dagegen konnten auch Freunde und Verwandte nicht ankommen. Weder mit guten Ratschlägen, Sportangeboten oder Diätplänen. Hilfe anzunehmen, schien ihnen nicht notwendig. Statt dessen hatten sie sich mehr und mehr zurückgezogen, bis jeglicher Kontakt abgebrochen war. Seit Jahren lebten sie nun schon in dieser selbst gewählten Zweisamkeit.

Und jetzt?
Martina seufzte leise und einige Tränen quollen unter ihren Augenlidern hervor. In einen Spiegel hatte sie schon lange nicht mehr geblickt. Wozu auch? Sie musste nur an sich herunterschauen, um zu wissen wie sie aussah. Fett und aufgedunsen. Speckig, rund. Zu großartigen Bewegungen nicht mehr fähig. Selbst die Hände konnte sie vor dem mächtigen Bauch nur noch mit Mühe zusammenbringen. Sie war kaum noch in der Lage, die tägliche Toilette alleine zu bewältigen. Immer öfter musste sie Karl um Hilfe bitten. Und nicht nur das. Jeden Abend graute ihr davor einzuschlafen, weil sie befürchtete, das eigene Gewicht würde ihr endgültig den Atem rauben und sie am Morgen nicht mehr aufwachen lassen.
Martina fühlte sich mehr und mehr krank und hilflos. Sie hatte den Einfluss auf das eigene Leben verloren. Mit erschreckender Klarheit wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie völlig abhängig von Karl war.
Sie brauchte ihn zum Überleben. Und leben wollte sie!
Noch bevor sie weiter denken konnte, schlief sie ein.
 
Vorsichtig schlug Martina die Augen auf. Sie wusste nicht, ob sie wach war oder nur träumte. Wusste nicht, ob sie lebte oder bereits gestorben war. Warum schien ihr gleißendes Licht die Augen? Wo befand sie sich? Wo war ihr Bett, ihr Zuhause – wo war Karl?

Sie brauchte einige Zeit, um sich zu orientieren und zu erkennen, dass sie sich in einer Klinik befand. In einem großen weißen Bett. Frisch bezogen und nach Frühling duftend. Eine freundliche Schwester hielt ihre Hand und streichelte darüber. Ein junger Arzt kam heran, tätschelte ihre Wange und lächelte ihr fröhlich zu. „Hallo, Frau Käppler, das ist aber schön, dass sie wieder da sind. Wir haben uns schon Sorgen gemacht. Aber jetzt wird alles gut!“
 
Und dann erfuhr Martina, was sich in den vergangenen Monaten - ja Monaten -, zugetragen hatte.
Nach der letzten Mahlzeit, die sie zu sich genommen hatte, war sie in eine tiefe Ohnmacht gefallen. Karl, der bald bemerkte, dass sie nicht nur schlief, hatte nach einiger Überlegung doch einen Arzt informiert. Im allerletzten Moment war sie in die Klinik gebracht worden. Ihr drohte tatsächlich der Erstickungstod. Durch eine Notoperation konnte ihr Leben gerettet werden. Danach hatte man sie in der Klinik für drei Monate in ein Koma versetzt. Durch künstliche Ernährung und entsprechende Medikamente hatte sie bereits etliche Kilogramm Gewicht verloren und war langsam auf dem Wege der Besserung.

Karl war von der Polizei vernommen worden. Der Vorwurf der schweren Körperverletzung stand im Raum, weil er sie jahrelang regelrecht gemästet hatte. Böswillige Absichten konnten ihm jedoch nicht nachgewiesen werden. Außerdem hatte er wohl immer wieder beteuert, dass er all die Jahre nur das Beste für Martina im Sinn hatte. Karl konnte also gehen, wohin er wollte, doch er war nicht zu ihr zurückgekehrt. Hatte sich wohl noch einmal im Krankenhaus von ihr verabschiedet und es dann vorgezogen, sein weiteres Leben irgendwo in der Ferne zu verbringen. Er war frei. Ihn würde sie wohl nie mehr wiedersehen.
Martina drückte die Hand der Schwester. Sie fühlte sich geborgen und irgendwie noch viel, viel leichter.

Auch sie war endlich frei!